Sundar Pichais Vision der Suche: 2027 wird ein Wendepunkt
Sundar Pichai von Google sieht das Jahr 2027 als Wendepunkt für die Suche. Es wird sich vieles ändern. Besser, sich schon frühzeitig darauf einzustellen.
Sundar Pichai, CEO von Google, saß Anfang April im Podcast “Cheeky Pint” mit John Collison und Elad Gil zusammen und sprach eineinhalb Stunden über Googles KI-Comeback und über die Zukunft der Suche. Das Gespräch liefert viele strategische Signale für Publisher und SEOs, mehr als mancher offizielle Google Blogpost.
Wie Pichai die Suche der Zukunft sieht
Elad Gil stellt im Interview die direkte Frage: „Wird es die Suche in zehn Jahren noch geben?" Pichais Antwort bestätigt, was manche schon seit der Einführung der AI Overviews und des AI Mode vermuten.
Die Suche wird zum Agent Manager
Pichai sagt wörtlich, die Suche werde „ein Agent Manager werden, in dem du viele Dinge tust". Statt einer Zeile Anfrage und zehn blauen Links öffnet der Nutzer eine Oberfläche, in der mehrere Agenten parallel Aufgaben bearbeiten, zum Beispiel eine Reise planen, Produkte vergleichen, Formulare ausfüllen, Ergebnisse zusammenstellen. Als Referenz nennt er Googles eigenes Coding-Tool Antigravity.
Von Information Retrieval zu Task Completion
Pichai formuliert den Paradigmenwechsel so: „Ein Großteil dessen, was heute reine Informationsanfragen sind, wird in der Suche agentisch: Aufgaben abschließen, viele Threads laufen lassen. Die klassische Suchanfrage, also ein Keyword, eine SERP, ein Klick, wird zur Ausnahme.
Deep Research und asynchrone, langlaufende Prozesse
Auf die Frage, ob das Modell „kurze Anfrage und dann eine Liste von Ergebnissen" überhaupt überlebt, verweist Pichai auf den AI Mode, in dem Menschen bereits heute Deep-Research-Anfragen stellen, die nicht mehr in dieses klassische Schema passen. Seine Prognose: Die Menschen werden sich an langlaufende, asynchrone Aufgaben gewöhnen. Die Suche wird etwas, das man beginnt und zu dem man später zurückkehrt, anders als eine kurze Aktion, die man zehnmal am Tag in 300 Millisekunden abschließt.
Geschwindigkeit bleibt die strategische Waffe
Was Pichai mehrfach betont: Google misst in der Suche interne Latenzbudgets in Millisekunden. Subteams bekommen etwa 30 oder 10 Millisekunden, dürfen einen Teil selbst verbrauchen, müssen den Rest an den Nutzer weiterreichen. Die Suchelatenz ist in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gesunken, obwohl gleichzeitig viel an Funktionalität hinzukam. Dieser Anspruch an die Geschwindigkeit ist Googles struktureller Vorteil gegenüber OpenAI und Anthropic: Die vertikale Integration von TPUs, Modellen und Produkten erlaubt Antworten, die sich anfühlen wie die klassische Google-Suche, allerdings als Antwort statt als Linkliste.
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Die Rolle von Websites und Publishern: ein lautes Schweigen
Im gesamten 70-minütigen Interview über die Zukunft der Suche taucht das Wort „Publisher" kein einziges Mal auf. „Websites" erwähnt Pichai genau einmal: in einer historischen Anekdote über BERT und MuM, in der es um das Verstehen von Webseiten als Trainings- und Ranking-Signal geht. Der offene Web-Index als Ressource der Suche wird nicht als eigenständiger Wert thematisiert, nicht verteidigt, nicht als strategische Achse definiert.
Man kann das wohlwollend interpretieren: Vielleicht war es schlicht kein Thema des Gesprächs, und die beiden Interviewer haben nicht danach gefragt. Man kann es auch weniger wohlwollend lesen: In der internen Erzählung, wie Google seine Zukunft sieht, sind Publisher keine strategische Variable.
Ein zweites Signal verstärkt diese Lesart. Pichai betont mehrfach, Google sei „supply-constrained": Nachfrage ist überall da, der Flaschenhals sind Rechenleistung, Speicher und Strom. Die knappe Ressource ist also nicht mehr der Index, sondern das Modell. Damit verschiebt sich die Machtbalance: Wer ein Modell hat, kann die Welt abbilden.
Was das konkret für Website-Betreiber, SEOs und Publisher bedeutet
Traffic aus der klassischen SERP wird strukturell weniger
Wenn der Großteil der Informationsanfragen agentisch wird, wie Pichai sagt, dann bedeutet das: Der Agent holt sich die Antwort, der Nutzer klickt nicht. Für Informationswebsites wie Ratgeber, How-to, Definitionen oder Vergleichstabellen bedeutet das, dass Google als Hauptkanal weiter an Volumen verliert. Diversifikation ist Pflicht: Newsletter, Community, Podcast, direkte App, Social müssen dazu beitragen, die Verluste aus der Suche zumindest teilweise zu kompensieren.
Statt nur Antworten liefern müssen Websites etwas bieten, das der Agent nicht kann
Wenn Agenten asynchron Recherchen zusammenfassen, sind generische Zusammenfassungen wertlos. Was bleibt, sind proprietäre Daten, originäre Meinung, kuratierte Erfahrung, Community, Transaktionen und Tools, die der Nutzer aktiv benutzt. Also all das, was ein KI-Agent (noch) nicht bieten kann. Publisher, die nur Text produzieren, den ein LLM ebenfalls produzieren kann, werden von genau diesen LLMs ersetzt.
SEO wird zu einer Mischung aus Retrieval-Optimierung und Marken-Aufbau
In der Agenten-Welt geht es darum von Agenten als vertrauenswürdige Quelle zitiert und weiterempfohlen werden. Das verschiebt die Disziplin: Struktur der Daten, maschinenlesbare Autorität, E-E-A-T im wortwörtlichen Sinne, Zitierbarkeit, aber auch klassischer Markenaufbau, damit Nutzer aktiv nach der Marke fragen und nicht nur nach der Information.
Geschwindigkeit und technische Sauberkeit werden zur Mindestvoraussetzung
Pichais Fokussierung auf Geschwindigkeit zeigt: Langsame, überladene Websites werden zukünftig immer öfter übersprungen. Core Web Vitals waren die Vorstufe. Was kommt, ist härter.
Der Long Tail und Nischen werden wichtiger
Wenn KI–Agenten für Standardfragen ausreichen, liegt der verbleibende menschliche Traffic dort, wo Standardantworten nicht reichen: in tiefen Nischen, bei Communities, bei Themen, in denen Autorität, Erfahrung und Zugang zu Primärquellen zählen. Kleine, spezialisierte Betreiber sind in einer besseren Position als generische Content-Farmen. Der mittlere Bereich, also Content, der weder Nische noch absolute Top-Autorität ist, wird überflüssig.
Zeithorizont: 2027 ist das entscheidende Jahr
Pichai nennt im Interview 2027 explizit als wichtigen Wendepunkt für agentische Workflows in Unternehmen. Für die Verbraucherseite dürfte die Diffusion ähnlich schnell sein. Das heißt: Wer jetzt Strategien für die Welt nach der klassischen aufsetzt, hat realistisch zwölf bis achtzehn Monate, bis der Wandel im Traffic deutlich sichtbar wird.
Fazit
Für Website-Betreiber und SEOs lautet die ehrliche Lesart: Die Jahre, in denen gutes Ranking in der klassischen SERP alleine ausreichte, neigen sich dem Ende zu. Was bleibt, ist: eigene Marke, direkte Beziehung zum Nutzer, originäre Daten, Tools, Community. Wer darauf jetzt baut, hat eine Chance.
























